Mykolajiw 2023/24
Der Text wurde in Berlin Review am 4.01.2024 veröffentlicht
Als ich im Sommer dieses Jahres wieder meine Reise nach Mykolajiw plante, musste ich meine Angst überwinden. Für viele «Nicht-Militärangehörige» sind Reisen durch die unberechenbare und instabile Frontzone nur dann möglich, wenn sie zu Verwandten, engen Freunden oder zu den Orten ihrer Kindheit fahren. Das Wissen um die Gegend und das Gefühl für ihre Vorkriegszeit erlauben es, so eine Reise zu planen. Es ist, als wäre der Krieg eine uralte, unberechenbare Epidemie, und es fällt leichter, einen an Pest Erkrankten zu besuchen, wenn man ihn früher als vollkommen Gesunden kannte. Solch eine Erinnerung garantiert kein Überleben, aber sie erlaubt, sich in der Fantasie einen Raum zu schaffen, in dem das «zivile», friedliche Leben größer und bedeutender ist als die Kriegshandlungen.
Ich schob die Reise wochenlang vor mir her. Ich wollte nur ein paar Tage in Mykolajiw bleiben, aber alle Rückfahrkarten von Mykolajiw nach Kyjiw waren für die nötigen Tage ausverkauft. Außerdem fuhren die Züge nicht jeden Tag. Bilder von beschossenen Bahnhöfen tauchten in meinen Erinnerungen auf. Alle Ausgänge, Ausfahrten aus der Stadt könnten jederzeit geschlossen werden. Und der nächste Gedanke: «Ich kenne dort niemanden!» Es ist nicht üblich heute, über solche Ängste zu sprechen. Sie scheinen über die «Regeln und Gebräuche des Alltags im Krieg» hinauszugehen, wo Angst nur in Verbindung mit unmittelbarer Gefahr oder Verwundung aufkommen darf.
Anfang 2023 diskutierte ich die Situation der Städte an der Frontlinie mit einem Freund und Menschenrechtler. Erschüttert sprach er über Mykolajiw: «Fahre dorthin! Es ist ein besonderer Fall: eine Stadt, fast ohne Trinkwasser. Einige Bezirke bleiben tagelang ohne Wasser. Und wenn es doch wieder da ist, fließt Salzwasser aus dem Hahn, man muss die Hände abspülen, damit sie nicht kleben. Jeder Schritt wird durch die Frage nach dem Wasser erschwert. Die Front ist sehr nah, Mykolajiw wird beschossen.»
Ein Teil meiner Familie stammt aus Mykolajiw, ich besuchte diese Stadt vor dem Krieg einmal, auf der Durchreise. Als ich der Beschreibung dieser Infrastrukturkatastrophe zuhörte, versuchte ich, mir die Stadt so ins Gedächtnis zu rufen, wie sie vor dem Krieg war.
Ich erinnerte mich an eine Fußgängerzone im Stadtzentrum, das im Sommer von jungen Menschen überfüllt schien. Die Erinnerungen lieferten mir so etwas wie eine Postkarte: «Die Fußgänger lachten, kauften Eis und aus allen Ecken klang Musik.» Alle meine Versuche, mich an noch etwas anderes zu erinnern, brachen ab und hinterließen in mir die theoretische Schlussfolgerung, dass Mykolajiw eine kaum entdeckte, südliche Stadt in der Ukraine sei, in der man sich entspannen konnte und in der viele ihre Wochenenden verbrachten.
Mykolajiw, mit seiner komplexen industriell-postindustriellen Geschichte, liegt nicht nur in einem der Epizentren des russisch-ukrainischen Krieges. Diese Stadt hat in diesem Krieg früher als andere einen Angriff auf ihre Infrastruktur erlebt. Es handelt sich um jenen Aspekt dieses Krieges, der sich in jedem lokalen Fall in eine umfassende humanitäre Katastrophe ausweiten kann, die alle Lebensbereiche einer Stadt betrifft.
Es ist offensichtlich, dass ein solcher Krieg auf verschiedene Arten gegen alle großen Städte der Ukraine geführt wird. In Mykolajiw erreichte er ein besonderes Ausmaß. Im Frühjahr 2022 wurde die Trinkwasserversorgung dieser Stadt mit einer halben Million Einwohnern zerstört.
"Wasser als Waffe"
Der Generaldirektor des Wasserwerks, Borys Dudenko, empfing mich Anfang Septembers wieder in seinem Besprechungszimmer. Im September dieses Jahres führte ich erneut ein Interview mit ihm, und während ich das Diktiergerät einschaltete, bemerkte ich, dass meine Aufmerksamkeit nicht so sehr auf unser Gespräch gerichtet war, als vielmehr auf die Unterschiede zwischen diesem Interview und dem, das wir 2023 geführt hatten.
Das Gespräch an sich war weit davon entfernt, abgerundet zu sein. Sich auf eine «Geschichte», eine «Erzählung» über das Wasserwerk zu konzentrieren, war schwierig. Die Situation der Stadt im Jahr 2024 unterscheidet sich kaum von der Situation des Vorjahres: «Das Wasserproblem ist immer noch nicht gelöst. Aber wir suchen kreative, neue Lösungen. Und wir haben die Einwohner der Stadt mit Trinkwasser versorgt.»
Vor dem Direktor, auf dem langen Tisch, der für Versammlungen gedacht ist, lagen «Artefakte des Erbes» – Fragmente rostiger sowjetischer Rohre. Sie waren an den Tisch geschraubt, jedes Exemplar mit einem kleinen Schild versehen, das seine Parameter angab. In der Ecke des Zimmers stand ein weiteres Rohr – ein schweres, breites Modell. Das Metall war von Rost und Korrosion zerfressen, dünn und eingerissen. Wie ein mottenzerfressenes Stück Stoff. Diese Ausstellungsstücke sollten beredtes Zeugnis über den katastrophalen Zustand des Wasserversorgungssystems ablegen.
Einer der Arbeiter des Wartungspersonals versuchte, es mir zu erklären: «Wir fahren jeden Tag zu sieben, zehn oder zwölf Notfällen. Manchmal sind es mehr. Jeden Tag graben wir Löcher, flicken Rohrstücke, tauschen etwas aus und vergraben es wieder. Verstehen Sie? Es ist unmöglich, das ständig zu tun. Und uns fehlen auch die Leute – sie werden nacheinander eingezogen. Wie soll man das erklären?»
Das heißt, sie werden einberufen, an die Front. Er versuchte, mir seine Arbeit verständlich zu machen, doch eine hilflose Wut überkam uns beide. Es ist kaum möglich, die Verzweiflung zu übermitteln, die mit dem täglichen Kampf verbunden ist, das Leben in einem weit verzweigten Wasserversorgungssystem aufrechtzuerhalten. Wasser, wie auch Strom und die Infrastruktur insgesamt, ist nicht nur der Hintergrund des Alltags. Es ist die unsichtbare Grundlage, die von bedeutenderen und auffälligeren Erscheinungen überlagert wird. Erst wenn die Infrastruktur zusammenbricht, rückt sie plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit, der sie früher entgangen ist. Aber über sie zu sprechen, bleibt schwierig. Es ist, als ob sie irgendwo im Feld der kollektiven Stummheit zerfällt, einer stummen Anstrengung, die mit dem Fortbestand des Zusammenlebens, des Stadtlebens verbunden ist.
Der Krieg in Mykolajiw begann in der Nacht zum 24. Februar 2022. An diesem Tag erfuhr ich um 9 Uhr morgens vom Krieg – meine Schwester rief mich an. Die Einwohner von Mykolajiw wurden mitten in der Nacht von Beschuss geweckt. Vom 12. bis zum 24. März fanden direkte Kämpfe auf den Straßen der Stadt statt. Die russische Artillerie war nahe, Häuser brannten nieder, Menschen starben auf den Straßen. Nach dem 24. März 2022 wurde die russische Armee bis an die Grenze des Verwaltungsgebiets Mykolajiw zurückgedrängt.
Es könnte sich um einen Racheakt handeln: Am 29. März 2022 führte die russische Armee einen Raketenangriff auf das Gebäude der Regionalverwaltung von Mykolajiw durch. Das Bild der Zerstörung wurde zu einem der Symbole dieses Krieges. Damals schien es ein Zeugnis von etwas Widernatürlichem, Antinatürlichem zu sein. Es war, als hätte ein riesiger Kiefer ein Stück aus dem Zentralgebäude der Verwaltung herausgebissen. Das unregelmäßige, riesige Loch ließ die Stadt wie ein Spielzeug aussehen. Die Stadtverwaltung war aus Papier, sie konnte mit einer Handbewegung zerrissen werden. Dieser Schnitt, die Entfernung von Baumaterial und Leben, war ein Akt der Opferung
für die Idee des Sieges und der Dominanz. 37 Menschen starben, 33 wurden verletzt. Aus verschiedenen Gründen befanden sich alle diese Menschen zum Zeitpunkt des Raketenangriffs im Gebäude der Verwaltung.
Ich erinnere mich, dass ich, als ich das Foto dieser Zerstörung im März 2022 sah, sofort zu weinen begann. Eine kindliche Reaktion? Hilflosigkeit? Emotionen, die man nicht mehr erwähnt, weil sie nichts ändern oder eine unwillkommene Schwäche zeigen. Ich weinte wegen der zufällig Getöteten, wegen der bloßen Idee einer solchen «Bestrafung», «Erpressung», «Abschreckung».
Wegen meiner Angst, dass nicht nur für «sie», sondern auch für «uns» das menschliche Leben bald sehr wenig wert sein würde? Denn eine solche demonstrative V ernichtung des Lebens wird den Ansprucherheben, zu einem globalen Spektakel, einem allgegenwärtigen medialen Bild zu werden.
Vor mir befand sich eine Art Denkmal dieses Krieges, eine riesige Wunde im Gebäude der Verwaltung. Es war auch ein monumentales Projekt des Krieges, ein Projekt unserer Zukunft.
In gewisser Weise war dieses zerstörte Gebäude auch eine entwertete Eintrittskarte. Wir sind alle «durchgekommen», wir wurden «hineingelassen» in eine Situation, die von Kräften gesteuert wird, die viel mächtiger sind als der Wille eines einzelnen Menschen, das Leben anderer zu behüten – sowohl das derjenigen, die ihm nahe sind, als auch das seiner Feinde, falls er welche hat.
Der Beschuss ging weiter. Bis Juni 2022 wurden in Mykolajiw über fünfhundert Stadtbewohner verletzt und mehr als hundert getötet.
Am 12. April 2022 verschwand das Trinkwasser in Mykolajiw, und seitdem fehlt es in den Wasserleitungen. In diesem Moment beugt sich der Generaldirektor des Wasserwerks über den Tisch und versucht, den Satz, den er schon viele Male wiederholt hat, nicht abgedroschen, sondern überzeugend klingen zu lassen: «Sie haben begonnen, die Stadt durch Wasserentzug zu belagern. Sie wollten, dass die Stadt fällt. Hier wären Epidemien ausgebrochen. Die Menschen hätten in Panik die Stadt verlassen.»
Jetzt sind die Stadtbewohner überzeugt, dass sie vor dem Krieg das beste Trinkwasser in der Ukraine hatten. Ich hörte es oft und manchmal mit Nachdruck und Betonung auf jeder Silbe: «Stell dir vor, unser Wasser konnte man direkt aus dem Hahn trinken.»
Die russische Armee sprengte die Wasserleitung an mehreren Stellen. Die Rohre, die oberirdisch verlegt und somit leichter zu zerstören waren, befanden sich auf dem W eg von der Oblast Cherson zur Oblast Mykolajiw.
Zwischen den Dörfern, dort, wo die Leitungen gesprengt worden waren, lagen wochenlang russische Einheiten. Entlang der Rohrleitung verlief ein schmaler künstlicher Bewässerungskanal für die Felder – diesen Graben nutzte die russische Armee als Schützengraben. Von dort aus beschossen sie nahegelegene Dörfer und Positionen der ukrainischen Armee. Wenn man von den Stellen, an denen die Rohre gesprengt wurden, in die Ferne Richtung Mykolajiw schaut, sieht man an der Horizontlinie zerstörte Dächer und Hauswände der Dörfer.
Als das Wasser verschwand, konnte niemand in der Stadt glauben, dass es sich um eine gezielte Zerstörung der W asserversorgung handelte. Der Direktor des Wasserwerks war überzeugt, dass das Rohr zufällig beschädigt worden war: «Und erst später, als die Verhandlungen mit der anderen Seite über die Reparatur der Leitung zu nichts führten, wurde uns klar, dass die Stadt absichtlich vom Wasser abgeschnitten worden war.»
Und dann wiederholte er: «Das Wasser ist zur Waffe geworden! Überall sage ich, dass unsere Stadt belagert wurde, und das Wasser als Hauptwaffe diente!» In diesem Moment unseres Gesprächs versuchten wir, Parallelen zu den mittelalterlichen Belagerungen von Städten zu ziehen, doch dieser Vergleich führte uns nirgendwohin. Wir waren beide der Meinung, dass in diesem Krieg Zitate aus früheren, längst vergangenen Kriegen verborgen waren, doch das schien nichts zu erklären.
Nachdem die russischen Truppen die Leitungen zerstört hatten, durch die das Wasser in die Stadt floss, war Mykolajiw viele Tage ohne Wasser. Der Beschuss ging weiter. Die russische Artillerie war in der Nähe, das Wasserholen war wegen der Luftangriffe oft nahezu unmöglich.
Das Wasserwerk und private Initiativen begannen mit dem Bau von artesischen Brunnen, vor denen sich lange Schlangen bildeten. Das Wasser wurde mit Lastwagen aus Odesa, Kyjiw, Dnipro und Saporischschja herbeigeschafft. Es wurde in Flaschen, in Zisternen, in Freiwilligenfahrzeugen und in Zügen in die Stadt gebracht. Natürlich reichte es dennoch nicht. Die Stadtbewohner schöpften Wasser aus Flüssen und versuchten, es selbst zu reinigen. Am schwersten hatten es diejenigen, deren W ohnungen und Häuser am weitesten vom Fluss oder Kanal entfernt lagen.
Das Wassersystem durfte nicht leer stehen. Es hätte das Abwassersystem der Stadt ruiniert. In den heißen Sommermonaten war die Stadt, in der mehrere hunderttausende Menschen lebten, ohne Kanalisation von Epidemien und Tod bedroht.
Es wurden Verhandlungen mit der russischen Seite über eine mögliche Wiederherstellung der Wasserversorgung geführt. Das russische Militär bot an, eine Straße für die Reparaturbrigade freizugeben. Doch jedes Mal, wenn sich die Arbeiter dem Ort des Rohrbruchs näherten, begannder Beschuss. Die Einladung an die Arbeiter, endlich die Leitungen zu reparieren, die Ausrüstung des Reparaturfahrzeuges, die Hoffnung, der plötzliche Beschuss – das Auto, das umdreht und immer wieder ergebnislos nach Mykolajiw zurückkehrt. Das alles glich einem Kriegsspiel, einer «militärischen List» aus einem naiven sowjetischen Film.
Man beschloss, um das Wasserversorgungssystem zumindest irgendwie zu füllen, Salzwasser aus der Dnipro-Bug-Mündung hineinzupumpen.
Bereits Ende April 2022 floss wieder Wasser im Wasserversorgungssystem, salzig und für die Zubereitung des Essens nicht geeignet, und trotzdem so wichtig. Eine Frau erzählte mir, dass sie mehrmals am Tag den Wasserhahn öffnete, nur um sich zu vergewissern, dass Wasser da war.
In dieser Zeit erschienen in Russland Artikel, die behaupteten, die ukrainische Armee habe das Wasserversorgungssystem zerstört, um Mykolajiw Russland «auszuliefern». Als ob eine Stadt eine Streitsache wäre, die man nur nach gründlicher Beschädigung einem stärkeren Streitpartner überlassen kann.
Zuerst, im Frühjahr 2022, gab es überhaupt kein Wasser, dann kam salziges Wasser aus dem Liman, und etwa ein Jahr später wurde eine neue Lösung entwickelt – das Wasser wurde aus einer anderen Quelle entnommen, über die man nicht öffentlich sprechen kann. Es war deutlich weniger salzig, jedoch immer noch kein Trinkwasser.
Mit internationaler Hilfe (des Roten Kreuzes, einzelner Ländervertretungen, internationaler Organisationen und Unternehmen) wurden in jedem Stadtteil kleine Umkehrosmose-Wasserreinigungsanlagen errichtet.
Heute sind überall in der Stadt kleine und große Wasserreinigungsstationen verteilt. Auf den meisten von ihnen sind die Flaggen der Staaten oder die Logos der humanitären Organisationen zu erkennen. Auf diesen Straßen wurde W asser zu einer Art staatlichen Repräsentanz, zu einer diplomatischen Mission.
Die Raketenangriffe dauern an. Das Umspannwerk wurde beschädigt, regelmäßig zerstören die Angriffe die Hochspannungsleitungen, unddas Heizkraftwerk, das für Fernwärme und Warmwasser zuständig ist, wird immer wieder beschädigt und repariert.
Wenn in einem Stadtteil der Strom ausfällt, können die Umkehrosmose-Stationen nicht arbeiten. In den Häusern, aus denen die Menschen mit leeren Kanistern zum Wasserholen gehen, bleiben die Aufzüge stehen. Jeden Tag gibt es in jedem Bezirk, in jedem Viertel der Stadt viele Stunden lang keinen Strom. In dieser Zeit ist es kaum möglich, Trinkwasser zu holen. Diejenigen, die überhaupt kein Wasser mehr haben, gehen und fahren in benachbarte Stadtteile in der Hoffnung, dass es dort Strom und Wasser gibt. Oft haben mich Passanten gefragt, ob ich irgendwo eine Schlange für Wasser gesehen habe. Wenn es eine Schlange gibt, bedeutet das, dass es auch Strom gibt und man die Flaschen mit Wasser füllen kann.
«Wenn es keinen Strom gibt, kein Wasser und der Aufzug nicht funktioniert – ist es, als ob ich nicht mehr existiere. Also braucht mich niemand. Oder meine Arbeit wird nicht gebraucht. Man hat uns wohl einfach aufgegeben», sagte eine zufällige Passantin, die ich in der Nähe einer Wasserstation traf. Sie lachte dabei. «Jeder hier muss sich selbst auf den Winter vorbereiten. Alle sprechen vom Winter. Und jeder muss die Verantwortung für den Winter selbst tragen. So klingt es hier. Wir sollen alle schon jetzt überlegen, wie man die Wohnung ohne Strom und Heizung warmhalten kann. Mir fällt wirklich nichts ein. Wahrscheinlich werde ich meine Türe für die Nachbarn offenlassen. Meine Schwester kann so eine V erantwortung gar nicht übernehmen, noch weniger als ich». Und dann lachte sie wieder.
Die normalerweise unsichtbare Infrastruktur bildet das Gewebe des Alltags, eine Stütze, und wenn sie zu verschwinden beginnt, erfasst meine Gesprächspartnerin eine Hilflosigkeit: «Als ob dir verboten würde, Bücher zu lesen, verboten zu leben!» – sagt sie, offensichtlich übertreibend. Aber ich verstehe, dass sie mir nur erklären will, wie seltsam das Leben vor dem Hintergrund dieser neuen Unsicherheit wird, und wie schwierig es ist, sich an eine Realität anzupassen, in der Strom und Wasser jederzeit zu verschwinden drohen.
In dem Hotel, in dem ich wohnte, fiel abends auch der Strom aus. Im gesamten Stadtviertel gab es keinen Strom. Der Akku meines Telefons war fast leer, ich tastete mich mit einer Taschenlampe durch die fensterlosen Flure bis zu meinem Zimmer. Salziges Wasser floss aus dem «Verhandlungen» Hahn, ich konnte mir die Hände waschen und das Telefon an eine Powerbank anschließen. Während der Blackouts verschwindet das Internet allmählich. Zuerst gibt es noch mobiles Internet, aber nach einer halben Stunde wird es so schwach, dass man es kaum noch nutzen kann.
Es wurde schnell dunkel. Die graue Düsternis des Hotelzimmers machte mich müde. Auf der Bettdecke schimmerte das Glas meines Mobiltelefons. W enn man mit dem Finger über das Glas streicht, kann man sehen, wie der grüne Akku gierig auflädt. Bald werde ich jemanden anrufen können, und das Gefühl, von der ganzen W elt abgeschnitten zu sein, das die Dunkelheit durchdrang, würde sich auflösen.
In Mykolajiw wurde mir klar, dass ich diese fragmentarischen Eindrücke nicht festhalten wollte. Schreiben konnte ich erst, als ich mir vorstellte, dass ich nicht meine eigene Realität beschreibe, sondern ein fantastisches Szenario, eine Fiktion. Das Schwierigste ist, das Verlangen zu überwinden, zu schweigen, nichts zu sagen. Propagandaklischees sind auch eine Form des Verschweigens.
Schweigen scheint zu schützen. Wovor eigentlich? Vor Schwäche, vor Verletzlichkeit und vor der Tatsache, dass das Gesamtbild der Realität keine Einheitlichkeit hat.
Und es ist der Krieg, der den Anspruch auf Eindeutigkeit erhebt: die Idee von «nur Schwarz und W eiß», Entscheidungen «ohne Alternative», weil «es keinen anderen Ausweg gibt und geben kann».
Die Beschreibung der Realität erscheint als etwas Greifbares, Materielles, das dringend Lösungen erfordert. Doch die Trägheit treibt diesen Krieg. Er wird von dem Idealbild des Kampfes gegen das absolut Böse beherrscht. Die Realität erweist sich als unwichtig, uninteressant. Während man weiterhin der Idee des Kampfes folgt, werden nacheinander die ukrainischen Städte zerstört.
"Verhandlungen"
In einem Vorort von Mykolajiw hat jemand das Wort «Verhandlungen» an die Wand geritzt. Seit 2014 höre ich immer wieder von der Hoffnung, dass die Verhandlungen, «echte Verhandlungen», endlich stattfinden werden. Je näher man vor 2022 der Frontlinie kam, desto lauter wurden Kontext die Hoffnungen und sogar der Zorn darüber, dass die Ukraine nicht mit diplomatischen Mitteln um das ruhige Leben der Menschen in den Frontgebieten kämpfte.
Doch nachdem die russischen Truppen im Frühjahr 2022 aus dem Gebiet Kyjiw abgezogen waren und die V erbrechen in Butscha, Irpin, Borodjanka und Makariw entdeckt wurden, verschwand die Idee von Verhandlungen nicht nur aus der Öffentlichkeit, sie wurde tabuisiert.
Im dritten Jahr des Krieges spricht man über Verhandlungen im Flüsterton. Diese Art von Schrift an der W and ist eine Ausnahme und bezieht sich auf Unausgesprochenes. W enn einer meiner Gesprächspartner in Mykolajiw es wagte, mir seine Hoffnung auf Verhandlungen mitzuteilen, wusste ich, dass dies ein Ausdruck großen Vertrauens war. Und meine Aufgabe ist es, niemals seinen Namen zu nennen, um ihn vor dem Verdacht zu schützen, kein Patriot und womöglich unzuverlässig oder gefährlich zu sein.
Kontext
Im Jahr 1904 wurde in Mykolajiw die erste Wasserleitung angelegt, die später mehrmals umgebaut wurde. Ein Teil der modernen Wasseranlagen wurde in den 1950er Jahren errichtet, die Kläranlagen wurden Ende der 1960er Jahre entworfen und 1973 in Betrieb genommen.
Fast alle industriellen Bereiche des Wasserwerks, die ich während des Krieges besuchte, sind im Stil des erkennbaren sowjetischen Industriedesigns gestaltet. An einigen Stellen sind dekorative Putzverzierungen mit sowjetischen Sternen oder die heute in der Ukraine seltenen Lampenschirme mit Symbolik aus den 1950er Jahren erhalten geblieben. Das gesamte Gelände des Wasserwerks ist eine abgeschlossene Industriezone, die unter besonderer Gefahr der Bombardierung steht. Die Infrastruktur ist ständigen Angriffen ausgesetzt. Nicht ihre völlige, abrupte Zerstörung, sondern ihre allmähliche Schwächung und ein Zustand der permanenten Krise ist das Ziel des russischen Beschusses.
Die Stadt soll im Zustand eines chronisch Kranken bleiben, nicht sterben, aber ständig eine Reanimation benötigen. Eine «normale Alltäglichkeit», deren Minimalbedingung die lückenlose Versorgung mit Wasser und Elektrizität ist, soll unerreichbar erscheinen.
In der Stadt haben während des Krieges kulturelle Veränderungen stattgefunden. Alle Werbeanzeigen, alle Oberflächen, Tafeln, Namen von Geschäften und Dienstleistungsbereichen, die früher meist russischsprachig waren, wurden durch ukrainischsprachige ausgetauscht. Es wurden einige Denkmäler abgerissen, und einige Elemente von Fassaden, die mit der sowjetischen Vergangenheit verbunden sind, wurden abgebaut. Die russische Sprache ist in den Überresten der zerbombten Gebäude erhalten geblieben.
In den geschlossenen Bereichen des Wasserkanals haben sich noch einige Elemente der authentischen Dekoration aus dieser oder jener sowjetischen Periode erhalten. Die Arbeiter kamen mehrmals auf mich zu und baten mich, diese Spuren der Vergangenheit nicht zu fotografieren: «Sie werden herkommen und alles zerstören. Lass es bleiben, es stört uns nicht». Jemand sagte zu mir: «Viele sind jetzt nur mit dem Rückbau beschäftigt, sowohl von innen als auch von außen.»
Das Fotografieren des sowjetischen Industriedesigns ist gefährlich, es könnte entdeckt und vernichtet werden. Noch viel gefährlicher ist es jedoch, die Wasserentnahmestellen und die umgebenden Industrielandschaften zu fotografieren. Teilnehmer einer internationalen Journalistengruppe im Jahr 2023 machten trotz zahlreicher Aufforderungen von Mitarbeitern der W asserwerke FotosRazzia vom Industriegelände und veröffentlichten sie in sozialen Medien. Am nächsten Tag wurden die Orte, die sie besucht hatten, bombardiert.
Die Pumpstation am Dnipro, von der aus die Stadt in den letzten 80 Jahren mit Trinkwasser versorgt wurde, befindet sich in der Nähe von Cherson, unter der Kontrolle der ukrainischen Armee, auf einem Gebiet, das an den besetzten Teil der Oblast grenzt. Diese Station wird von Arbeitern bewacht. Und sie wird ständig, täglich, von der russischen Armee beschossen, was eine Wiederherstellung der Wasserversorgung unmöglich macht. V or kurzem wurde einer der Arbeiter verwundet. Im Verlauf des Krieges hat das Wasserwerk von Mykolajiw alle gesprengten Rohrleitungen repariert. W enn die russische «Feuerüberwachung» aufhören würde, könnte die Trinkwasserversorgung der Stadt innerhalb einer Woche wiederhergestellt werden.
Razzia
«Ich würde Ihnen gerne die Stadt zeigen, die zerbombten Häuser, alles, was hier passiert ist. Sie herumfahren. Das wäre gut. Das wäre interessant. Wir haben hier in der Gegend viele solcher Orte. Sie sollten die Leute sehen. Aber ich kann nicht.» «Warum?»
Meine Frage war an einen Taxifahrer gerichtet. «Wir sind gerade mitten in den Razzien. Eine nach der anderen. Razzien (облавы) – verstehen Sie?» Er wiederholte das Wort im Ton eines beleidigten Kindes. Es war, als würde ihm etwas aus der Hand genommen – in diesem Fall ein Arbeitsauftrag und die Möglichkeit, mir etwas zu zeigen. Ich versuchte, nachzufragen, was das für Razzien seien, obwohl ich eine Ahnung hatte. Doch der Taxifahrer fügte nichts hinzu und tat so, als hätte er meine weiteren Fragen nicht gehört.
Das Wort «Razzia» erinnerte mich eindringlich an den Erzählband Geschichten aus Odessa von Isaak Babel: «Ein neuer Besen fegt gut, sagte Benja Krik. Und wann wird die Razzia sein, König? Morgen. König, sie wird heute sein. W er hat dir das gesagt, Junge? Das hat mir Tante Chana gesagt. Kennen Sie Tante Chana? Ich kenne Tante Chana. Weiter. Was soll ich Tante Chana wegen der Razzia sagen? Sag ihr: Benja weiß Bescheid.»
In Babels Kurzgeschichte «Der König», die in den 1920er Jahren spielt, erfährt der Bandenanführer Benja Krik, dass die Polizei buchstäblich die Jagdsaison auf seine Bande ausgerufen hat. Die erste Bedeutung desrussischen W ortes «Oblava» bezieht sich auf eine Jagdmethode, bei der Wild, oder manchmal auch Vögel, aufgeschreckt und so in die Nähe der Jäger getrieben werden.
Wie ich später in Mykolajiw herausfand, sperren Polizei und Mitarbeiter der Mobilisierungszentren die wichtigsten Straßen ab, auf denen Busse und Autos fahren. Das geschieht oft vor Beginn des Arbeitstages, zwischen acht und zehn Uhr, manchmal auch tagsüber. Der V erkehr wird für mehrere Stunden gestoppt, die Polizei umstellt die Straße, in Bussen und Straßenbahnen werden alle Männer überprüft, die zur Arbeit fahren oder in einem Taxi unterwegs sind. Diejenigen, die keine ordnungsgemäß ausgestellten Mobilisierungsdokumente bei sich haben, werden gewaltsam aus Taxis, Autos oder Kleinbussen gezerrt.
«In einigen Stadtteilen werden Sie tagsüber überhaupt keine Männer sehen, das verspreche ich Ihnen», erklärte mir später ein anderer Fahrer, der von der Mobilisierung freigestellt war. «Man hört sie nur nachts, aber man sieht sie nicht. Die Unsichtbaren! Gespenster! Und ich bin auch so einer», sagt er lachend. Ich versuchte, seine Heiterkeit aufzunehmen und mitzulachen.
Geschichten wie diese werden mir immer wieder erzählt. Jeden Tag sehe ich Videos, die von zufälligen Augenzeugen gemacht werden, um den Gewaltausbruch in fast allen Städten und Dörfern der Ukraine zu dokumentieren. «Uns wird der Strom abgeschaltet, Sie werden sehen, wie dunkel es hier wird. Anfangs haben sich alle beschwert. Aber jetzt ist klar, dass einige Leute wenigstens auf die Straße gehen und die frische Luft einatmen können, mit dem Kind einen Spaziergang machen. Viele sitzen in ihren Wohnungen und gehen nicht einmal raus, um Brot zu holen. Es ist, als wären sie unter Hausarrest. Mein Bruder ist so einer, sitzt zu Hause, wir brauchen ihn lebend. Wir brauchen ihn wirklich.»
Der Fahrer war bereit, sich zu verteidigen. Zuvor hatte er mich davon überzeugen wollen, dass Journalisten «die Menschen niemals verstehen werden, es ist unerträglich geworden, ihnen zuzuhören!» Er hielt mich für eine Journalistin.
Im Oktober 2024